Karfreitagsgedanken

Pfarrer Peter Söder (Foto: D. Kluge/privat)
Bildrechte D. Kluge / privat

„Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern ...“ (Mt 27,51-53 nach Lutherbibel 2017)

Der Evangelist Matthäus berichtet hier von besonderen äußeren Umständen, die Jesu Kreuzigung begleitet haben sollen. Sehr wahrscheinlich nur als ein Bild für die Katastrophe, die aus seiner Sicht am Karfreitag geschah, nämlich den Tod des Sohns Gottes, wirkt es in manchen Teilen wie ein Abbild all dessen, was wir seit Jahren vermehrt zu sehen bekommen:

Die Welt spielt verrückt – und zwar sowohl die äußere Welt der Natur, als auch die innere Welt der Menschen und deren Herrscher.

Kein Ort scheint heute mehr sicher zu sein. Keine Gegenwart sorgenlos. Und die Zukunft kommt uns dystopisch entgegen.

Wir Menschen erleben uns deswegen oftmals nicht mehr als eine Gemeinschaft, in der einer für die andere da ist, sondern vielmehr als lauter kleine Orte, in die man sich zurückzieht und versucht, „sein Ding“ zu machen. Kein Wunder, wenn sich die Gräber öffnen und unheilvolle Bilder auferstehen, die wir nicht mehr ertragen.

Allerdings sollte uns ausgerechnet der heutige Tag, der Karfreitag, eines Besseren belehren. 

Ja, zugegeben, unsere Zeit ist gewiss keine einfache, aber sie steht auch nicht singulär in der Weltgeschichte. Menschsein heißt schließlich immer, sich in einer Welt zu behaupten, die uns zwar geschenkt ist, die uns aber auch viel abverlangt.

Am Karfreitag ist aber zusätzlich etwas in diese Welt gekommen, das wir kaum fassen können und deswegen uns vielleicht nur über Bilder nähern können:

Gott selbst, der Schöpfer der Welt, hat sich den Sorgen und Nöten sowie der Trauer („Kara“) der Menschen ausgesetzt. Er hat sich auf die Seite derer gestellt, die verzweifeln und leiden. Und er hat dort, am Kreuz, auch den Weg in die Zukunft eröffnet. Ostern und die Auferstehung lassen grüßen.

Für mich heißt das, dass ich mich in all meinen Sorgen von dem verstanden fühlen darf, der selbst Mensch gewesen ist und gelitten hat. Und es heißt für mich auch, dass ich mich nicht zurückziehen will. Denn warum sollte ich diese Welt aufgeben, wenn Gott dies nicht getan, sondern sich voll und ganz für uns hingegeben hat. 

Als es nämlich dunkler nicht mehr werden konnte, als alles erbebte, da hatte Gott die Zukunft neu eröffnet und uns befähigt, in Zuversicht zu handeln; mit ihm als Leidensgenossen an unserer Seite. Und im Wissen um das Geschehen, das wir in zwei Tagen wieder feiern werden.

Herzliche Grüße

Pfarrer Peter Söder