Advent 2026

Adventskranz binden
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Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür. 

Haben Sie auch diesen Kinderreim für die Adventszeit im Ohr? Er nimmt die Tradition des Adventskranzes mit seinen vier Kerzen auf. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern hat ihn erfunden, um seinen schwierigen „Straßenkindern“ die Wartezeit auf Weihnachten zu verkürzen und dem Advent eine eigene Gestalt zu geben. Als Jugendliche waren uns solche Reime zu kindisch. Wir wollten es etwas frecher haben und fanden den Nachtrag witzig: 

Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt. 

In dieser ironischen Ergänzung steckt eine tragische Vorstellung: vier Wochen Warten, vier Wochen Vorbereitung auf das Eigentliche und dann hat man das Entscheidende verschlafen. Aber geht das denn, Weihnachten „verpennen“? Äußerlich gesehen wahrscheinlich eher nicht. Wir feiern Weihnachten in Familien und Pflegeheimen, in Betrieben, Vereinen, Schulen und Kindergärten. Die Festlichkeiten wird also kaum jemand „verschlafen“, wenn er nicht gerade von einer anstrengenden Nachschicht kommt. Aber damit ist das Eigentliche ja noch nicht berührt. Der Kinderreim erinnert uns: „…dann steht das Christkind vor der Tür.“ Alle Vorbereitungen in der Adventszeit laufen auf dieses Ereignis zu, die Geburt von Jesus Christus. Er macht sich aus der Welt Gottes auf den Weg zu uns Menschen und steht vor der Tür unseres Lebenshauses. Er tritt sie nicht wie ein gewalttätiger Eroberer ein, sondern klopft an. „Darf ich eintreten? Darf ich Deinem Leben einen neuen Sinn geben, ein Ziel, das nicht einmal durch den Tod zerstört wird? Darf ich Dir Hoffnung und Frieden schenken?“ Unglaublich, aber wahr: Gott, der Herr der Welt, klopft bei mir kleiner Leuchte an. Nicht, weil ich zu den VIPs gehöre, den besonders bedeutenden Personen in dieser Weltgeschichte, sondern einfach, weil er mich liebt. Weil Gott eine Sehnsucht nach seinen Geschöpfen hat, obwohl sie ihn allzu oft ignorieren. 

Dieses Christkind steht also zu Weihnachten vor der Tür, klopft an und möchte in mein Lebenshaus eintreten. Natürlich kann ich den Geburtstag von Jesus auch ohne ihn feiern. Die Party läuft wie gewohnt ab. Da haben wir unsere Feiertagsroutinen. Aber dann hätte ich das Eigentliche von Weihnachten „verpennt“. Das wäre nicht nur schade, sondern wirklich tragisch. Wie gut, dass jetzt erst einmal Advent ist. Dass ich vier Wochen Zeit habe, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das Christkind vor der Tür steht. Adventskränze, Lichterketten und Weihnachtsmärkte erinnern mich daran, dass ich das Licht Gottes für mein Leben brauche, damit es hell wird – und dass er es wirklich schenkt. Wir feiern Advent, weil der lebendige Gott diese Welt nicht sich selbst überlässt, sondern in seinem Sohn Jesus zu uns kommt. Jede Kerze, die wir am Adventskranz anzünden, macht sichtbar: ER ist da. Wir dürfen die Herzenstür aufmachen und mit ihm ein neues Leben feiern.
 

Pfr. Dr. Wolfgang Becker