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Kirchengeschichte Kalbensteinberg 2014

2013. Kalbensteinberg
Foto: Kuhn

Rieterkirche blieb 1955 vom Feuer verschont


Baugeschichte, Werdegang und kunstgeschichtliche Bedeutung des imposanten Gotteshauses in Kalbensteinberg


KALBENSTEINBERG - Kaum eine Kirche in der ganzen Umgebung kann sich mit der St.-Marien-Kirche in Kalbensteinberg messen, der Weihe vom 9. bis 13. Oktober gefeiert wird. Will man sie beschreiben, so weiß man nicht, wo man anfangen soll.
Imposant ist das Gebäude mit dem hohen Turm mit seiner spitzen Be­dachung, dem Langhaus mit seinen mit gotischem Maßwerk gezierten Fenstern und dem gotischen Spitzbogenportal mit der Bauinschrift darüber, dem überhöhten, an die Nürnberger Hauptkirchen erinnern­den Chor und dem zierlichen Fach­werktürmchen, in dem man zur Herrschaftsloge der Herrn von Rieter hinaufstiegen kann. An den 1511 und 1864 erhöhten Turm aus dem 14. Jahrhundert wurde durch Paul Rie­ter in den Jahren 1464 bis 1469 die heutige, St. Maria und St. Christo­pherus geweihte Kirche angebaut. Während das Langhaus 1469 fertig war, wurde der Chor mit dem Hoch­altar erst 1488 geweiht.
Eine Umgestaltung des Innen­raums erfolgte unter Hans Rieter in den Jahren 1609 bis 1613. Nach dem Aussterben der Familie Rieter, die das Patronat über die Kirche bis 1753 innehatte, kam das Kirchenge­bäude in den Besitz des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg, wo es bis zur Ablösung 1968 blieb. Ein Groß­brand im September 1955 wäre dem Gotteshaus beinahe zum Verhängnis geworden, als einige Bauernhöfe in ihrer Nähe in Flammen aufgingen und sich der Brand bis die unmittel­bare Umgebung der Kirche ausbrei­tete. Welch unersetzlichen Werte wä­ren vernichtet worden, hätte man dem Feuer nicht kurz vor der Kirche noch Einhalt gebieten können.
Mit einer überaus reichen Ausstat­tung stellt sich das Innere bis heute dar. Der Raum selbst ist zwar ein­fach: Ein rechteckiges saalartiges Langhaus mit einer einfachen Kas­settendecke aus dem Jahr 1620 und einer Westempore und daran im Os­ten anschließend ein um einige Stu­fen erhöhter geräumiger, heller Chorraum mit Sternrippengewölbe. Was aber die Besonderheit dieses, als Gemeindekirche, aber zugleich auch als Grabeskirche für die Nürnberger Patrizierfamilie errichtete Gottes­haus ausmacht, ist seine für eine evangelische Kirche ungewöhnliche Einrichtung.
Es ist es schon schwierig, die vielen Kunstwerke aufzuzählen, so ist es un­möglich sie in der Kürze zu beschrei­ben oder näher auf ihre Geschichte einzugehen. Ganz außergewöhnlich ist eine große russische Ikone, ein Hei­ligenbild der orthodoxen Kirche, das zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Nowgoroder Kunstkreis entstand. Die drei Altäre, von denen jeder eine Besonderheit aufweist, ergeben eher das Bild einer katholischen Kirche. Die Malereien des südlichen Seitenal­tars stammen aus der Schule Michael Wohlgemuts, des Lehrers von Alb­recht Dürer. Im nördlichen Seitenal­tar steht neben den Statuen der heili­gen Barbara und des heiligen Benno auch St. Walburga und auf dem Altar ist dann noch einmal Walburgisstatue. Der Grund dieser Doppelung ist der, dass in den Schreinen, die erst um 1600 entstanden sind, Plastiken und Malereien aus älteren Altären einge­bracht wurden. Im Hochaltar, der 1611 aufgestellt wurde, ist heute wieder eine Marien­figur mit dem Jesuskind aus der Zeit um 1470 zu sehen. Weil man einen Marienaltar für eine evangelische Kirche für unpassend hielt, war der Schrein lange Zeit durch eine Tür in der Form eines gerahmten Gemäldes verschlossen, die nur auf Anfrage geöffnet wurde. Als Wallfahrtsbild war früher die „weinende Madonna von Kalb" bekannt, eine tönerne Marienfigur aus der Zeit um 1460 mit einer großen Krone. In diese konnte man Wasser gießen, das nach einiger Zeit als „Tränen" der Figur aus den Augen trat.
Viele Holzfiguren, teils auf dem südlichen Seitenaltar stehend, teils auf Podesten oder an den Wänden schmücken das Gotteshaus: St. Se­bastian und ein geharnischter Ritter mit Schild, die Büsten von St. Peter und Marie mit dem Kind, die ur­sprünglich wohl ganze Figuren waren, St. Georg mit dem Drachen, St. Mar­garetha sowie die Reliefs von St. Jakobus und St. Ottilia. Ein spätgoti­sches Chorgestühl mit Zutaten aus dem 19. Jahrhundert steht an der Süd- und Nordseite des Chores und darüber sind an den Wänden Fresken, die die geistlichen Glieder der Rieterschen Familie darstellen.
Die Glasgemälde in den Chorfens­tern, die nach einer Inventarliste um 1613 noch zahlreicher waren, sind ausgezeichnete Nürnberger Arbeiten aus der Zeit um 1480. Nördlich des Hochaltars erhebt sich ein schlankes, spätgotisches Sakramentshaus und in der Nähe der Kanzel steht auf einer fahrbaren Platte ein Palmesel, der um 1470 geschaffen wurde. Zahlreich sind auch die Gemälde, darunter ein gotisches Tafelbild, das in 56 Einzel­gemälden das Leben Jesu und Marias darstellt. 20 reich geschnitzte und mit Inschrifttafeln versehene Totenschil­de hängen an den Seitenwänden des Langhauses und weitere sieben Inschrifttafeln, bei denen heute die Schilde fehlen, sind neben der Orgel angebracht.
In der Gruft unter dem Chor, die Hans Rieter um 1609 anlegen ließ, ru­hen die mumifizierten Toten der Nürnberger Patrizierfamilie Rieter, darunter ein Fräulein von Lilienfels, das auf einem Ball in Triesdorf beim Tanzen tot umgefallen sei und im Tanzkleid bestattet wurde, wie die Sage berichtet. Die Toten, die früher nur auf Brettern in dem gewölbten Raum ruhten, sind heute in Glassär­gen bestattet.
Die Aufzählung all dieser Kunst­werke kann bei weitem nicht wieder­geben, wie kostbar die Kalbenstein­berger Kirche ist. Ein Besuch dieses Gotteshauses lohnt sich, doch sollte man sich immer bewusst sein, dass man trotz der zahlreichen Gemälde, Figuren, Fresken und Totenschilden eine Kirche betritt und kein Museum und so ist der wertvollste und größte Schmuck dieses Gotteshauses die Ge­meinde, die sich darin versammelt, um Gottes Wort zu hören, zu beten und Gott zu loben. GÜNTER L. NIEKEL

 

Quelle: Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 09.10.2014

© Text: Pfarrer i. R. Günter L. Niekel, Muhr am See

© Fotos: Horst Kuhn

 

Horst Kuhn

Dekanat Gunzenhausen

Öffentlichkeitsreferent

 

2013. Kalbensteinberg

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