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Die Kalbensteinberger Glocken (Teil 2)

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Die Glocken im Erster Weltkrieg

Am 1. März 1917 führte die Heeresverwaltung eine Bestandsaufnahme der Kirchenglocken durch. Das Bronze sowie andere "Nichteisenmetalle" waren kriegswichtiges Material. Die Glocken wurden in Kategorien A, B und C eingeteilt, die der Kategorie A wurden 1917 enteignet und eingeschmolzen. In Gruppe C waren Glocken mit einem besonderen historischen oder künstlerischen Wert. Kalbensteinberg mußte zwei seiner vier Glocken abgeben: die Betglocke und das im Schalloch hängende Gemeindeglöcklein. Nachdem 1924 eine "nürnberger Kommission" (Stiftungsverwaltung) mit einem Glockengießmeister vor Ort war, wurde entschieden, die Glocken neu in Auftrag zu geben. Die größere der beiden Bronzeglocken wurden mit 800 Mark von der Stadt Nürnberg bezahlt, für die kleinere mußte die Gemeinde die 522 Mark selbst aufbringen. Am 12. Juli 1924 war es dann soweit: abends um 8 Uhr wurden die neuen Glocken mit dem Posaunenchor in den Ort geleitet. Am 20. Juli fand unter "Läuten der beiden neuen Glocken, dann No. 3? und schließlich "aller 4 Glocken"die förmliche Glockenweihe statt. Wie Pfarrer Putz schreibt, war "das Geläute im ganzen harmonisch: g-b-d-f".

 

Die Glocken im Zweiter Weltkrieg

Wie bereits im Ersten Weltkrieg, so wurde auch 1940 eine Erfassung der Kirchenglocken angeordnet. Pfarrer Kühnlein: "Hier wurden 4 Glocken angemeldet und drei davon in Gruppe A eingestuft, darunter auch die Größte. Nur eine, die sog. 11-Uhr-Glocke, wurde in Gruppe C eingestuft." Durch Bemühungen des Pfarrvorstands gelang es, wenigstens die Erhaltung dieser einen Glocke zu erwirken. Am 25. Januar 1942 wurde in einem feierlichen Gottesdienst unter "wehmütigen Gefühlen" von den Glocken Abschied genommen und hierbei noch einmal ihr volles Geläute ertönen lassen. Unter vorgehaltener Hand verwiesen Gemeindemitglieder im Hinblick auf den Erster Weltkrieg: "daß es nicht gut stehe, wenn wieder die Kirchenglocken in den Krieg ziehen müßten".


Abb. 3. Die Große Glocke vor dem Abtransport 1942 (Foto: Pfarrarchiv Kalbensteinberg)

 

Glockenfriedhof Hamburg

"In der Woche nach dem 15. Februar [1942] wurden die drei Glocken abmontiert, auf Schlitten verladen nach Gunzenhausen gefahren und an der Bahnhofsrampe abgeladen, wo sie noch länger liegen blieben.", so Pfarrer Kühnlein in seinen Aufzeichnungen. Der sogenannte "Hamburger Glockenfriedhof" war die Sammelstelle für Glocken aus dem gesamten Deutschen Reich, wohin zwischen 1939 und 1945 etwa 90.000 Bronzeglocken geschafft und davon etwa 75.000 eingeschmolzen wurden. Zur "Rüstungsreserve" wurden neben Kirchenglocken zum Teil auch Kunstgegenstände und anderes Inventar eingezogen und eingeschmolzen, so mußten bei einer weiteren Metallablieferung im Mai 1943 auch der große Altarleuchter sowie ein kleiner dreiarmiger Kronleuchter aus der Sakristei hergegeben werden. "Zu einer Ablieferung der Orgelpfeiffen ist es aber nicht gekommen", so Pfarrer Kühnlein in den Jahresberichten 1945-1949.

Nach dem Krieg versuchte man die einzelnen Glocken zu identifizieren und an die Kirchen zurückzugeben, was aber für Kalbensteinberg nicht der Fall war. Kühnlein: "An der in einzelnen Gemeinden stattfindenden Glockenrückkehr hat unsere Kirche nicht teil, sie muß sich auf noch unbestimmte Zeit mit der einen Glocke begnügen." Andere Gemeinden des Landkreises hatten mehr Glück: die Trommetsheimer Glocke wurde 1947 von Hamburg zurückgeholt und konnte im dortigen Kirchturm wieder aufgehängt werden.

 

Neue Glocken

Am 17. September 1954 bekam die Gemeinde Kalbensteinberg schließlich zwei neue Glocken, die mit dem Pferdefuhrwerk abgeholt und von Posaunenchor, Pfarrer, Lehrer und Schulkindern von "Drei Birken" bis zur Kirche geleitet wurden.

Abb. 5: Der Posaunenchor empfängt die Glocken an der Flurgrenze in "Drei Birken", 1954 (Foto: Pfarrarchiv Kalbensteinberg)


Abb. 6: Pfarrer Kühnlein am Tag der Glockenweihe 1954. (Foto: Pfarrarchiv Kalbensteinberg) Umschrift der Großen Glocke: SOLI DEO GLORIA - Gott allein zur Ehre; Kleine Glocke: VENI CREATOR SPIRITUS - Komm, Schöpfer Geist.

Mit einer Bauwinde vom nahen Steinbruch wurden die 828 und 318 kg schweren Glocken auf den Turm gehievt und durch einen Mauerausbruch im Schalloch ins Innere gezogen. Am 26. September erfolgte dann die Glockenweihe durch Pfarrer Kühnlein im Rahmen eines Gottesdienstes, einer kirchenmusikalischen Feierstunde am Nachmittag sowie dem "Festkaffee im benachbarten Gasthaus", zu dem Honoratoren und die an der Glockenmontage beteiligten hiesigen Handwerker eingeladen waren.

Heute hängen drei Glocken im Turm: Die große 12-Uhr-Glocke, die Betglocke, beide von1954, sowie die fast 500 Jahre alte 11-Uhr-Glocke rufen die Gemeinde nicht nur allsonntäglich zum Kirchgang, sondern mahnen zugleich zur Erinnerung.

 

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Quellen: Pfarrarchiv Kalbensteinberg PfA73, PfA78, PfA154, PfAR1, Rechnungsbuch 1613, PfM4, PfM5, PfA-NK-61.1; Literatur: Gottfried Putz, Kalbensteinberg und seine Kirche, 1914; Werner Spoerl, Rieter-Kirche Kalbensteinberg, 1982; Deutscher Glockenatlas Mittelfranken, 1973; Zeitzeugenaussagen: W. Müller, G. Wißmüller, E. Wißmüller; Werner Somplatzki, Streifzug durch die Trommetsheimer Kirchengeschichte, 2010; Infos im Netz: http://de.wikipedia.org/wiki/Glocke und Glockenfriedhof Hamburg: http://de.wikipedia.org/wiki/Glockenfriedhof

 

Text: Thomas Müller

 

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