Zum Inhalt (ALT-C)
Zur Navigation (ALT-N)
Zur Startseite (ALT-S)

Dekanat Gunzenhausen  |  E-Mail: info@dekanat-gunzenhausen.de  |  Online: http://www.dekanat-gunzenhausen.de

400 Jahre Renovierung der Kalbensteinberger Kirche durch Hans Rieter dem Jüngeren

Kirchenrenovierung 1609-1613

2014 jährten sich zum 400. Mal der Abschluss der umfassenden Kirchenrenovierung unter dem Majoratsherrn Hans Rieter (der Jüngere). Dieser ließ zwischen 1609 bis 1613 nicht nur das Kirchengebäude von Grund auf renovieren, sondern verlieh ihm auch die Ausstattung mit Kunstgegenständen, Malereien und Totenschilden, wie wir sie heute im Wesentlichen kennen.
Kalb_Kirchenrenovierung_1609-1613

In diesem Jahr jährt sich zum 400. Mal der Abschluss der umfassenden Kirchenrenovierung unter dem Majoratsherrn Hans Rieter (der Jüngere). Dieser ließ zwischen 1609 bis 1613 nicht nur das Kirchengebäude von Grund auf renovieren, sondern verlieh ihm auch die Ausstattung mit Kunstgegenständen, Malereien und Totenschilden, wie wir sie heute im Wesentlichen kennen.

Glücklicherweise wurde über die durchgeführten Arbeiten von Hans Rieter und seinem Diener Wolff Grun  peinlich genau Buch geführt. Ein Exemplar dieses Rechnungsbuchs von 1613 (ursprünglich in dreifacher Ausfertigung) ist im Kalbensteinberger Pfarrarchiv erhalten und gibt auf 104 Seiten Zeugnis über alle Einzelposten und Ausgaben. Somit ist es für die Nachwelt nachvollziehbar, wie umfangreich die Bautätigkeiten waren, wie und von wem sie durchgeführt wurden.

 

Wer war Hans Rieter?
Hans Rieter (1564-1626) gehörte von 1591 an 20 Jahre lang dem Nürnberger Rat an. 1600 bis zu seinem Tod 1626 war er Majoratsherr der Vorschickungen Kalbensteinberg und Kornburg. Hans Rieter war dreimal verheiratet, zwei seiner Frauen wurden - wie auch er selbst - in der Gruft der hiesigen Kirche bestattet. Das Gemälde im Altarsockel (Predella) zeigt Hans Rieter mit Ehefrauen und Kindern .
Die Majoratherrschaft, die jeweils der "Senior Familia" (der Familienälteste) genießen durfte, lag seit 1590 bei seinem Cousin aus der Harrlacher Linie Paulus Rieter (1541-1600). Bereits ab dieser Zeit bezog dieser die Gebrüder Hans (*1564), Carl (*1565) und Philipp Rieter (*1566) in die Führung der Vorschickung mit ein. In den Aufzeichnungen des damaligen Kalbensteinberger Pfarrers Johann Hartung liest man von regelmäßigen Besuchen und Verwaltungstätigkeiten Hans Rieters in Kalbensteinberg . So ist es nicht verwunderlich, dass er bestens mit dem Dorf vertraut und früh schon eng mit ihm verbunden war.

Nach dem Tod von Paulus Rieter ging das Majorat 1600 dann offiziell an Hans Rieter über. Wie sich zeigen sollte, wurde der "Juncker"  für Kalbensteinberg zu einem der bedeutendsten Majoratsherren. Zu seinen Bautätigkeiten gehörte die Errichtung des Pfarrhauses 1603 (heute Wohnhaus Wiesinger), der umfangreiche Kirchenumbau 1609-1613 und im Zusammenhang damit wohl auch der Bau des Gasthauses (heute Wolkersdorfer, dentrochronologisch auf das Jahr 1609 datiert) sowie der Bau des großen Pfarrstadels 1619. Dazu kommen noch Bautätigkeiten andernorts wie der Umbau des Schlosses Kornburg 1613  oder bereits einige Jahre vorher die Renovierung der Allerheiligen-Kirche in Kleinschwarzenlohe 1605, die in ihrem Charakter viele Parallelen zur hiesigen Rieterkirche besitzt .

 

Der Tod der ersten Ehefrau 1609
Am 1. April 1609, also kurz nach dem Beginn der Umbauarbeiten an der Kalbensteinberger Kirche, ereignete sich für Hans Rieter mit dem Tod seiner Ehefrau Maria geb. Imhof ein schwerer Schicksalsschlag. Nur zehn Tage später erteilte Hans Rieter dem Steinmetz und Maurer Caspar Lanng aus Spalt den Auftrag zum Bau der Gruft . Ob Hans Rieter den Bau der Familiengrablege von vornherein geplant hatte, weiß man nicht. Es ist aber gut möglich, dass erst der Tod der "lieben Gemahlin" hierfür der ausschlaggebende Grund war.


Abb. 1: Grabplatte zur Gruft, Inschrift: "...Mit was laidt und betrüebten Hertzen, Bekümmernus und großen schmertzen, Ich Maria, mein liebe Gemahlin verloren, Aus dem Geschlecht der imhof geboren, Welche, nachdem diß Gewölb vollbracht, Sy laider den ersten anfang gemacht, Und Verschiden nach Gottes willen, Mit großer Clag den Ersten Aprillen..." (Foto: Thomas Müller)

 

Die Kirchenrenovierung 1609-1613
Die Renovierungsarbeiten am Dachstuhl waren zunächst nicht so umfangreich geplant gewesen. Bei der Auftragsvergabe 1608 war zunächst nur von Ausbesserungsarbeiten an der Chorhaube die Rede. Wie sich herausstellte, war das Gebälk jedoch "über vnd über erfaullet geweßen", sodass es notwendig war, Langhaus und Chor von den Zimmerleuten komplett neu aufrichten und decken zu lassen .

Mit den Arbeiten wurden vor allem auswärtige Fachleute, vorwiegend Nürnberger Meister, aber auch Handwerker aus dem Oberfränkischen und Südthüringer Raum herangezogen, die zum Teil über mehrere Monate auf der Baustelle beschäftigt waren. Einige der Handwerker ließen sich sogar dauerhaft hier im Ort nieder wie die Zimmerleute Hans und Paul Eysentraut aus Sonneberg/Thüringen oder der Maurer Hans Horn aus dem Vogtland.
Zu weniger anspruchsvollen Tätigkeiten wurden auch einheimische Handwerker herangezogen, wie der "Gemainschmiedt zue Kalb" Martin Rummell mit dem Auftrag, "1068 Alte Nägel wider gerath zu richten", der "Schmidt zue Fünffbrunn" für die Herstellung von Ketten oder der "Schlosser Maister Rudolph" aus Spalt. Der gleich neben der Kirche wohnende Büttner Lienhart Rähm (heute Anwesen Scherer/Pfeiffer) durfte die Putzkübel für Maurer und Dachdecker herstellen .

Das verwendete Baumaterial kam weitgehend aus der näheren Umgebung: Kalk und Ziegel wurden aus Spalt, Gunzenhausen und Abenberg geholt. In den Mühlen Hohenrad, Obererlbach und Untererlbach wurden "Fiechten und Dennen Dillen", sowie "Aichene Pretter" geschnitten, davon alleine 170 Bretter für die Gerüste der Maler und 47 Bretter für das Gerüst um den Hauptaltar. Der Abbau der Einrüstung verschaffte wiederum dem Glaser aus Spalt einen Auftrag: "von 12 Scheuben, in den Kirchfenstern, so durch des Tünchers abrüssten, sein Zerbrochen worden" .

 

Die neue Ausstattung der Kirche
Zu den größeren Umbauarbeiten im Inneren der Kirche gehörten neben dem Bau der Gruft auch das Estrichlegen und Pflastern der Böden, der Bau der Kanzel, der Herrschaftsemporen mit "Schnecke", der Kassettendecke im Langhaus, einer neue Gemeindeempore mit Stiegen sowie das Brettern der Dachböden, "daß das gedraidte nicht hinnunter fallen könne"
Erstaunlich ist, dass schon damals der Dachboden als Lagerraum genutzt wurde, was bis Anfang des 20. Jahrhunderts dann beibehalten wurde. Wie der ehemalige Kalbensteinberger Pfarrer Gottfried Putz schreibt, wurden noch Anfang des 20. Jahrhunderts einzelne Räume auf dem Kirchenboden "zum Zwecke des Hopfentrocknens versteigert" . Erst 1914 wurde die "missbräuchliche Benützung" des Kirchendachbodens vom Stadtmagistrat Nürnberg strengstens untersagt .

1613 wurde die Kirche auch erstmals mit einer Art Orgel ausgestattet, einem so genannten "Positiv" . Es handelte sich dabei um ein vergleichsweise einfaches Instrument zur Begleitung des Gemeindegesangs.

Ganz bemerkenswert war die neue Ausstattung der Kirche: Der zuvor sicher sehr nüchtern wirkende Kirchenraum wurde nun durch zahlreichen Kunstgegenstände, Totenschilde und Bemalungen wesentlich aufgewertet.
Bereits 1603-1607 ließ Hans Rieter vom Bildschnitzer Christof Grostitz 15 Totenschilde für verblichene Familienmitglieder schnitzen. Die Schilde wurde in fünf großen Kisten "mit meinem Ross vnd Karrn nach Kalb geführt"  und hier von den Handwerkern aufgehängt.
Der Hauptaltar und die beiden Seitenaltäre wurden im Renaissancestil neu aufgebaut. Dabei wurden Teile eines alten Altars mit der Marienfigur wieder verwendet, das darin enthaltenen Schnitzwerk und die Bemalung ergänzt und erneuert. Das ursprüngliche Apostelbild im Altarsockel musste dem Familienbild des Majoratsherrn weichen und hängt heute an der südlichen Langhauswand . Ringsum an den Wänden im Langhaus und der Gemeindeempore wurden, knapp unterhalb der Decke, insgesamt 204 Wappen der Rieter und verwandter Geschlechter gemalt. Einige wenige dieser später übertünchten Wappen wurden bei der Restaurierung 1990-1992 wieder freigelegt.


Abb. 2: Predella des Hauptaltares: Hans Rieter, Ehefrauen und Kinder. Gemälde vermutlich vom Nürnberger Maler Georg Gärtner um 1611, ergänzt um 1620. (Foto: Rolf Peter)

 

Die legendäre Herkunft der Familie Rieter
Wie hier bereits zu erkennen ist, war das Bewusstsein der Rieter über ihren Stammbaum und ihre Abstammung sehr wichtig und wurde ausgiebig dargestellt und gepflegt, wie auch bei anderen Patrizierfamilien durchaus üblich.

Gerne bediente man sich auch einer gewissen Legendenbildung und nahm es bisweilen mit den historischen Tatsachen nicht immer so genau, vor allem wenn diese im Nebel des Mittelalters verborgen lagen. So dürfte es sich nicht nur bei der Abstammung der Rieter von einem Zypriotischen Königsgeschlecht um ein solches Konstrukt handeln, sondern auch bei der angeblichen Existenz des ortsansässigen Rittergeschlechts der "Kalwenberger", in deren Nachfolge sich die Rieter gerne sahen. Ein Zeugnis hierfür ist der vermeintlich "uralte" (Putz) „Kunrad Kalwenberger"-Schild, der gleich durch mehrere Belege als Erzeugnis aus der Umbauzeit von 1609 entlarvt wurde .

 

Die "katholischen" Kunstwerke in der Kirche
Den Rietern wird vor allem ein ausgeprägter Kunstsinn und - insbesondere Hans Rieter - eine Nähe zur römischen Kirche nachgesagt. Dass dem so war, lässt sich angesichts der reichen und katholisch anmutenden Ausstattung unserer Kirche schwerlich leugnen.
Viele der Objekte gelangten durch Familienmitglieder und Freunde an Hans Rieter. So ist der Palmesel ein Geschenk seines Bruders Joachim Rieter, der in Diensten des Eichstätter Bischofs (katholisch!) stand.
Seiner Schwester Anna Regina hatte Hans Rieter die Tafel "Vita Mariae et Christi" (die sog. Bilderbibel) "abgehandelt". Von seinem Freund, dem Nürnberger Ratsbaumeister Wolff Jacob Stromer, erhielt Rieter die drei Heiligenfiguren Oswald, Walburga und Ottmar, die oben auf dem nördlichen Seitenaltar zu sehen sind. Die neu erstandenen wie auch die bereits vorhandenen Objekte ließ Hans Rieter durch den Nürnberger Maler Niclas Öhler (1554-1633) und den Bildschnitzer Christoph Grostitz restaurieren .

Abb. 3: Ausschnitt aus dem Rechnungsbuch von 1613 (Foto: Pfarrarchiv Kalbensteinberg).

 

Die Finanzierung des Umbaus
Die Gesamtkosten der Kirchenrenovierung von 1613 beliefen sich "alles in allem" auf 2866 Gulden 5 Pfund und 12 1/2 Pfennig und wurden durch Gelder der Frühmesse zu Kornburg, den Gotteshaus- und anderen Zehnten sowie aus dem vorhandenen Barvermögen des Gotteshauses finanziert.
Trotz der stolzen Kosten hatte Hans Rieter auch für seine Arbeiter etwas übrig: So wurde der Abschluss der Dacharbeiten nach "handtwerckhs gebrauch" mit einem "hebmahll" (Richtfest) gefeiert, "darzue dann auch die Maurer erbetten geweßen, wofür der Bauherr schließlich 10 Gulden für Speis und Trank spendierte. Er merkte abschließend an, die Kosten wären aber letztendlich "ehe mehr dann weniger, dieveilln sy [=weil sie] lauter wein gedrunckhen" .


Abb. 4: Hans Rieter und erste Ehefrau Maria geb. Imhof (+1609); vermutlich Gemälde des Nürnberger Malers Georg Gärtner. (Pfarrhaus Kalbensteinberg)

 

[Text: Thomas Müller]

 

drucken nach oben