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Kirchengeschichte Kalbensteinberg 2013

2013 Kalbensteinberg
Foto: Unbekannt

Von Kunstwerken geprägt


Die Rieter-Kirche in Kalbensteinberg hat eine außergewöhnliche Geschichte


KALBENSTEINBERG - Betritt ein Besucher, der die Kirche von Kal­bensteinberg nicht näher kennt, wohl aber über die Merkmale der Konfes­sionen Bescheid weiß, das Gottes­haus, so wird er am Eingang vergeb­lich nach einem Weihwasserkessel Ausschau halten. Wenn er dann wei­ter durch das Langhaus geht, vorbei an den beiden Seitenaltären und hi­nauf in den Chor zum Hochaltar mit der Marienstatue, so wird er auch das „Ewige Licht" vermissen. „Diese Kirche ist doch eine katholische Kir­che?", fragen Besucher immer wieder und sind dann verwundert, wenn man ihnen erklärt, dass sie sich in ei­nem evangelischen Gotteshaus befin­den. Ähnliche Fragen werden ja auch in Nürnberg in den beiden Hauptkir­chen St. Lorenz und St. Sebald im­mer wieder gestellt und werden dann ebenso beantwortet wie in Kalben­steinberg.
Und hier löst sich auch das Rätsel. Die St.-Marien-Kirche in Kalben­steinberg ist eine „Nürnberger Kir­che". Über Jahrhunderte waren sie und ein Großteil des Dorfs im Besitz der Nürnberger Familie Rieter, später von Rieter. Bis weit nach der Mitte des 20. Jahrhunderts hatte das Hei­lig- Geist-Spital in Nürnberg das Pat­ronat über die Kirche inne. Weil es in Nürnberg in der Reformationszeit keinen „Bildersturm" gab, wie in an­deren Städten und Herrschaften, wo alles, was zum katholischen Kultus gehörte, aus dem Gotteshaus entfernt wurde, blieb auch in Kalbensteinberg die Kircheneinrichtung aus katholi­scher Zeit fast ganz erhalten. Zudem gab es in der Familie Rieter Kunst­sammler, die auch Kunstwerke aus anderen Kirchen, die aufgegeben wurden, und anderen Konfessionen in ihre Kirche brachten.
Als die Familie Rieter durch Heirat 1437 in den Besitz von Kalbenstein­berg kam, stand da bereits eine statt­liche Kirche, wie vom fünfgeschossi­gen, aus glatten Quadern gebauten Kirchturm her zu schließen ist, der um 1400 errichtet wurde und 1507 bis 1511 sein oktogones Oberschoss er­hielt. Beim Neubau von Langhaus und des Chor wurde der bisherige Turm übernommen. Da der Neubau etwas anders orientiert wurde, steht der Turm heute weder in der Achse noch im rechten Winkel zum Lang­haus. Wie eine Inschrift über dem spitzbogigen Kirchenportal verkün­det, wurde mit dem Bau des Lang­hauses 1464 begonnen. 1468 konnte bereits die Weihe vollzogen werden. Der Chor war erst 19 Jahre später fertig und wurde 1488 geweiht. Paul Rieter war der Bauherr. Zur Finan­zierung dieses gewaltigen Baus konn­ten Ablassbriefe ausgestellt werden.
Wie bei den Nürnberger Kirchen steht das Langhaus zwischen einem Westturm und einem überhöhten Ostchor. Anders als die Nürnberger Kirchen hat aber die Kalbensteinber­ger Kirche eine Flachdecke im Lang­haus. Nur der Chor ist mit einem reich gegliederten gotischen Netz­ und Sternengewölbe überspannt. Si­cher befanden sich viele der Einrich­tungsstücke schon in der Kirche, als unter Hans von Rieter 1609 bis 1613 die große Umgestaltung des Innen­raums begann. Die Emporenbrüstun­gen und die Loge im Chor und über dem südlichen Seitenaltar gehen auf diese Zeit zurück und zeigen Schnit­zereien, wie man sie aus dieser Zeit auch heute noch in Nürnberg sehen kann.
So, wie das Gotteshaus damals ge­staltet wurde, präsentiert es sich zum größten Teil auch heute noch. Ein Pfarrer, dem es schwerfiel, vor einem Altar, in dem eine Marienstatue steht, seinen Dienst zu verrichten, bat um Änderung. Die Bitte wurde dahin er­füllt, dass der Altarschrein mit einem Bild verschlossen wurde. Weil aber das Bild, das dann wieder entfernt wurde und heute an der südlichen Chorwand über der Sakristeitür hängt, mit Scharnieren angebracht war, konnte man den Schrein jeder­zeit öffnen und das Marienbild ka­tholischen Christen, die die Kirche lange noch als Wallfahrtskirche be­suchten, zeigen. Der Grund für den Besuch der ka­tholischen Christen war aber nicht die Marienstatue im Hochaltar, son­dern eine kleinere tönerne Madonna im Chor südlich des Chorbogens, die „weinende Maria von Kalb", wie sie noch lange genannt wurde. Woher diese Bezeichnung? Die Marienfigur hat eine überproportional große Kro­ne. Es wird erzählt, dass man in diese Krone früher Wasser gegossen hat, das nach einiger Zeit bis zu den Au­gen durchsickerte und dort als Trä­nen wieder zum Vorschein kam. Eine Legende rankt sich auch um den Palmesel. Bevor er auf seine mit Rä­dern versehene Unterlage kam, damit man ihn bei der Palmsonntagsprozes­sion nicht mehr mittragen, sondern mitziehen konnte, soll er auf seinen vier Beinen so auf dem Boden gestan­den sein. Als ihn dann einmal Diebe entwendeten, soll er sich mit seinen Beinen mit aller Kraft dagegen ge­stemmt haben, sodass sie ihn nicht mehr weiterbringen konnten. Die Kalbensteinberger fanden ihn und brachten ihn wieder in die Kirche zu­rück. Zur Erinnerung daran hat der Esel aber seine steifen, gestreckten Beine behalten.
Viel könnte man noch von der Kal­bensteinberger Kirche berichten, die zwar durch die vielen Kunstgegen­stände auf den ersten Blick wie ein Museum wirkt, aber dennoch kein Museum ist, sondern das Gotteshaus einer lebendigen Gemeinde. Da wä­ren nicht nur die Seitenaltäre mit ihren Heiligenfiguren oder den Ge­mälden von Michael Wolgemuth, dem Lehrer Albrecht Dürers, zu nen­nen, die Figuren auf den Altären oder die zahlreichen Totenschilde der verschiedenen Angehörigen der Familie Rieter, die Fresken der geist­lichen Rieter'schen Ahnen und das wunderbare gotische Sakraments­haus im Chor. Besonderer Betrachtung wert ist eine russische Ikone des Heiligen Theodor Stratilat aus der Zeit um 1570 oder eine gemalte Bibel mit 56 Szenen aus dem Leben Jesu. Die Geschichte aber beginnt nicht erst mit der Verkündigung an Maria, sondern zeigt auch legendäre Darstellung aus dem Leben Marias und ihrer Eltern Anna und Joachim. An der südlichen Langhauswand hängen noch Tafelgemälde, die die Zwölf Apostel und Maria und Chris­tus mit den Vierzehn Nothelfern darstellen. Interessant ist auch das Chorgestühl aus dem 15. Jahrhun­dert mit den kleinen Groteskenfigu­ren zwischen den einzelnen Stallen. 1848 wurde es mit Maßwerkschnit­zereien an der Rückwand und dem neugotischen Maßwerk ergänzt. Im Vergleich zu den vielen gotischen Kunstwerken sind Kanzel und Tauf­stein relativ neu, denn sie kamen „erst" 1609 in die Kirche.
Wenn man von der wertvollen Aus­stattung der St.-Marien-Kirche spricht, darf natürlich die zwischen 1609 und 1613 unter dem Chor einge­baute Gruft nicht unerwähnt bleiben, in der heute noch in Glassärgen und in einem gemauerten Grab 14 Mit­glieder der Familie von Rieter ruhen, darunter Johann Albrecht von Rieter, mit dem das Geschlecht 1753 aus­starb. Sein barockes Epitaph, einer der wenigen Gegenstände aus dieser Epoche, ist links neben dem Hochal­tar in die Chorschräge eingelassen.
Das umgestürzte Familienwappen zeigt an, dass die Familie erloschen ist.
Viel könnte man noch über diese wunderbare Kirche sagen, aber weil man ihr und ihrer Ausstrahlung mit keiner Beschreibung gerecht wird, kann man nur einladen und ermun­tern, dieses Gotteshaus einmal zu be­suchen. Dass es trotz der vielen Kunstgegenstände kein Museum ist, kommt am besten am Sonntagvor­mittag zur Geltung, wenn man inmit­ten einer feiernden Gottesdienstge­meinde im Langhaus sitzt, die Sonne durch die hohen Chorfenster strahlt und die Gemeinde vielleicht den Cho­ral „Großer Gott, wir loben dich ...!" anstimmt. Dann kommt erst richtig zum Ausdruck, wozu diese Kirche da ist: Zur Ehr und zum Preis Gottes! GÜNTER L. NIEKEL

 

Quelle: Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 12. Oktober 2012

© Text: Pfarrer Günter L. Niekel, Muhr am See

© Fotos: Unbekannt

Horst Kuhn

Dekanat Gunzenhausen

Öffentlichkeitsreferent

 

2013. Kalbensteinberg

Palmesel. Foto: Unbekannt

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