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2012.01.20. Karriereleiter stand nie im Vordergrund

2012.01.  Karriereleiter stand nie im Vordergrund
KMD Alexander Serr. Foto: Ulli Gruber

Karriereleiter stand nie im Vordergrund

Kirchenmusikdirektor Alexander Serr gibt nach 36 Jahren Kantorentätigkeit den Taktstock ab

 

GUNZENHAUSEN - „Es klingt, wie wenn man einen Schrank ver­rückt", mussten sich die Sängerinnen und Sänger des Kantoreichors bei ih­ren Proben bisweilen anhören. Eine ziemlich harsche Form der Kritik, al­lerdings nur bei oberflächlicher Be­trachtung. Intern sorgten derart mar­kige Sprüche Alexander Serrs eher für Heiterkeit und zugleich Ansporn. Nach 36 Jahren engagierter und sehr erfolgreicher Arbeit in Gunzenhausen geht der Kirchenmusikdirektor zum 1. April in den Ruhestand. Anlass genug, um einen launigen Rückblick zu wa­gen auf manche Anekdote und Serrs vielfältige Erfahrungen.
Bei seinem Dienstantritt im Sep­tember 1975 als Nachfolger von Karl Hunger hatte es allerdings noch nicht zwingend nach einer lang anhalten­den Verbindung zwischen ihm und der Altmühlstadt ausgesehen. Gunzen­hausen konnte nach Einschätzung des jungen Musikers weder seinem unter­fränkischen Heimatort Albertshofen, noch der benachbarten Weinmetropo­le Kitzingen das Wasser reichen. Trist, unscheinbar und bieder sei ihm die Stätte seines neuen Wirkungskreises erschienen, erzählt Serr im Abstand von mehr als drei Jahrzehnten mit ei­nem Lächeln im Gesicht. Bald jedoch stellte er fest, dass es keine Mentali­tätsunterschiede gab: „Die Menschen begegneten mir von Beginn an herz­lich, zuvorkommend und wohltuend vertrauensvoll!" Allen voran Dekan Wilhelm Schmerl, sein damaliger dienstlicher Vorgesetzter. „Die Hal­tung Schmerls hat mir den Einstieg enorm erleichtert", bekennt Serr.

Forsch ins Fettnäpfchen getappt
Bald wurde der zwar ambitionierte, aber noch reichlich unbedarfte Unter­franke indes mit lokalen Gegebenhei­ten und Wertvorstellungen konfron­tiert. So etwa im Rahmen eines Zusam­mentreffens mit dem ehemaligen Kirchweihorganisator Peter Heimerl. Als dieser Serrs Meinung zum traditio­nellen „Kerwaumzug" wissen wollte, tappte der „Frischling" allzu forsch ins Fettnäpfchen. „Der Albertshöfer ge­fällt mir besser" - eine nicht gerade diplomatische Antwort, wie Heimerls enttäuschte Miene postwendend ver­riet. Der Kantor lernte jedoch schnell hinzu, passte sich seiner Umgebung an und ließ sich das Klischee des ahnungs­losen Zugereisten fortan nicht mehr durch geringschätzige Blicke ans Re­vers heften. Im Gegenteil: mit viel Esprit ging es jetzt ans Werk. Serr be­gann das berufliche Umfeld in Gun­zenhausen gemäß seinen individuellen Vorstellungen zu gestalten.
Dennoch stand für ihn zu keinem Zeitpunkt seines langjährigen Schaf­fens ein „karrierebedingter Ehrgeiz" im Vordergrund. Serr ist Kirchenmu­siker und Kantor aus Passion, der pro­fessionelle Auftrag kann nach seiner Auffassung nur im Kontext mit inspi­rierenden zwischenmenschlichen Be­gegnungen umgesetzt werden. Ausge­stattet mit dieser persönlichen Richt­linie fand er relativ leicht zu den Men­schen, mit denen er fortan in unter­schiedlicher Weise zu tun hatte. Als zurückhaltend, fast scheu, könn­te Alexander Serr mitunter eingestuft werden. Wer ihn jedoch kennt, macht eine ganz andere Erfahrung. Nicht nur im eigenen Metier erweist sich der Kantor als umgänglicher, freundlicher und humorvoller Zeitgenosse. Seinem Charakter entsprechend versucht er, sich anbahnende Konflikte und Kon­frontationen schon im Ansatz zu ver­meiden. Mit „gutem Willen", Ruhe und sachlicher Argumentation strebt er nach einem gedeihlichen Miteinander. Wer diese Brücken annimmt und res­pektiert, wird in Alexander Serr stets einen Verbündeten haben.

Beleg für den „guten Ton"
Einer, der dies erkannt hat und of­fenbar auch für seine Zwecke geschickt zu nutzen weiß, ist Diethelm Schoen. Während einer Kirchenführung bat er den zufällig anwesenden Kantor um eine kleine musikalische Kostprobe auf dem Cembalo für die auswärtige Besuchergruppe. Serr ließ sich nicht lange bitten, improvisierte ein passen­des Stück und machte damit enorm Eindruck bei den Touristen. „Herr Serr ist ein in sich sehr harmonischer Mensch", verriet Schoen danach seinen erstaunten Gästen und traf damit wohl den Nagel auf den Kopf. Diese Charak­terisierung ist in zweierlei Hinsicht zu verstehen: einerseits als Lob und Güte­siegel für die fachlichen Qualitäten Serrs, zum anderen eben auch als Beleg für den sprichwörtlichen „guten Ton" während dessen Wirkens in den kir­chenmusikalischen und gemeindlichen Institutionen.
Dass dem so ist, bestätigen unter anderem die Sängerinnen und Sänger des Kantoreichors. „Die Arbeit mit Alexander Serr hat immer viel Spaß gemacht, darüber hinaus haben wir uns musikalisch kontinuierlich wei­terentwickelt", betont - wie viele an­dere Chormitglieder auch - Ruth Dommel. Als Serr einst seinen Dienst antrat, bestand der Chor aus rund 25 Mitgliedern. Trotz fehlender Quanti­tät handelte es sich mehrheitlich um junge, ambitionierte und auch talen­tierte Akteure. Etliche von ihnen soll­ten Serr durch die langen Jahre seines beruflichen und teilweise auch priva­ten Weges in Gunzenhausen begleiten. Und überwiegend haben sie auch des­sen Intention begriffen. „Ich habe im­mer versucht, den Leuten die Vielfalt und Schönheit der gemeinsam zu he­benden musikalischen Schätze näher­zubringen", bekräftigt Serr.
Grundsätzlich ist der Kantor für die Gestaltung aller musikalischen Ereig­nisse der Kirchengemeinde zuständig. Im Rahmen einer 40-Stunden-Woche müssen nicht nur Gottesdienste, Orgel­unterricht und diverse Proben abge­halten, sondern auch sämtliche Vorbe­reitungen, Übungsstunden, Sitzungen, Besprechungen und sonstige organisa­torischen Aufgaben integriert werden. Einmal pro Woche leitet Serr im Lutherhaus den Kinderchor. Im Deka­natsbezirk ist er des Weiteren für die Koordination und Ausbildung von Or­ganisten und Chorleitern verantwort­lich. Im Lauf der Zeit hat er mehr als 70 Personen das Orgelspielen beigebracht und über 30 für die Leitung eines Chors qualifiziert.
Von seinem großem Können und seiner Erfahrung zehren ferner das Gunzenhäuser Streichorchester, die Blockflötengruppe „Flautissimo" so­wie das Taizé-Ensemble. Der Posau­nenchor hingegen steht in Gunzen­hausen traditionell unter eigener Lei­tung. In den ersten Jahren seiner Tä­tigkeit brachte sich Serr jedoch als aktiver Bläser ein und unterrichtete parallel dazu den Nachwuchs. Sowohl die jetzige Leiterin Sabine Fischer-Kugler als auch die meisten Vor­standsmitglieder haben ihre Ausbil­dung bei Alexander Serr genossen.

Ernüchterndes Fazit zur Orgel
Ein sehr wesentlicher Bestandteil der Kantorenarbeit ist der Organisten­dienst. In diesem Zusammenhang fiel Serrs anfänglicher Eindruck in Gun­zenhausen ebenfalls alles andere als zufriedenstellend aus. „Die Kirche ist schön, aber die Orgel taugt nicht viel", lautete sein ernüchterndes Fazit. Und es dauerte lange, ehe sich an diesem Umstand etwas ändern sollte. Erst vor rund vier Jahren wurde die neue Jann-Orgel eingeweiht. Sie lässt seither kei­ne Wünsche mehr offen.
Bis dahin allerdings hatte sich Serr dem inneren Zwiespalt beugen müs­sen, mit seinem Orgelspiel die Herzen der Menschen auf einem störanfälligen und ungeeigneten Instrument gewin­nen zu wollen. „Das hatte mir schon Grenzen gesetzt", sagt er im Nachhin­ein. Von der positiven Entwicklung profitierten ferner die Schüler von Ale­xander Serr. Einige von ihnen haben ebenfalls ein Kirchenmusikstudium angestrebt. So waren 2007 zehn Pro­zent aller Studierenden der Hochschu­le für Kirchenmusik in Bayreuth ehe­malige Schützlinge Serrs. Insbesonde­re wegen dieser bemerkens- und aner­kennenswerten Quote wurde dem Gunzenhäuser Kantor ein Jahr später der Titel des Kirchenmusikdirektors verliehen.
Unabhängig davon ist mit seinem Namen auch eine Vielzahl großartiger und wunderschöner kirchenmusikali­scher Aufführungen in den Gottes­häusern der Altmühlstadt und der Re­gion verbunden. Aus dieser Angebots­palette nicht wegzudenken ist bei­spielsweise die Veranstaltungsreihe „Klangvolle Sommerabende im Frän­kischen Seenland". Alexander Serr kann sich noch an herausragende Er­eignisse erinnern, gleichermaßen blie­ben aber auch diverse „Pannen und Beinahe-Katastrophen" in seinem Gedächtnis haften.

Ganz schön ins Schwitzen geraten
Besonders gern denkt er in diesem Zusammenhang an die grandiose Auf­führung des Mozart-Requiems in den späten 1980er-Jahren zurück. Obwohl ein Solist erst im allerletzten Augen­blick erschienen war und ihm nicht einmal die Zeit zum Ausziehen des Mantels blieb, klappte die Veranstal­tung wie am Schnürchen. Da fiel es auch nicht ins Gewicht, dass der Chor mit lediglich vier Tenören zahlenmä­ßig an der unteren Grenze besetzt ge­wesen ist. Heute kann sich Serr herz­haft darüber amüsieren, damals je­doch „sind wir alle miteinander ganz schön ins Schwitzen geraten".
Ohnehin kann Serr den bevorstehen­den Übergang in den Ruhestand mit einem gehörigen Fundus an Erinne­rungen kompensieren. Die Jahrzehnte in Gunzenhausen haben sein Leben ge­prägt. Was die Zukunft bringen wird, darüber hat er noch keinen ausgeklü­gelten Plan im Kopf. Ganz sicher wird er die freiwerdende Zeit nutzen, um seinen Hobbys und persönlichen Nei­gungen nachzugehen. Musik wird wohl auch in Serrs „zweitem Leben" eine herausragende Rolle spielen.
Er sieht zudem noch ziemlich jung aus, seine 61 Lenze sind ihm kaum ab­zunehmen. Vor 36 Jahren sei er eben­falls schon mal schwer „unterschätzt" worden, berichtet Serr. Als er vor dem Gottesdienst zum Schuljahresbeginn des Gymnasiums an den in Reih und Glied wartenden Schülern vorbei in die Kirche zum Orgelspielen mar­schieren wollte, wurde er von Ober­studienrat Kurt Pfannstiel hart am Arm gepackt und zurechtgestutzt: „Du wartest hier wie alle anderen auch". Pfannstiel hatte den frischge­backenen Kantor im Eifer des Ge­fechts für einen vorwitzigen Pennäler gehalten und der so Gemaßregelte hatte durchaus Mühe, das Missver­ständnis aufzuklären. Wenige Monate später traf Alexander Serr während der von ihm erstmals einberufenen Zusammenkunft der Organisten er­neut auf den resoluten Pädagogen. Als Vertreter der Kirchengemeinde Grä­fensteinberg stellte dieser sich dem perplexen Konventsleiter augenzwin­kernd und mit einem verschmitzten Grinsen vor: „Gestatten, mein Name ist Kurt Pfannstiel!" Dem voraussichtlich an Pfingsten an seine Position tretenden Kirchenmusikdirektor Bernhard Krikkay hat Alexander Serr ein schweres und zu­gleich verpflichtendes Erbe hinterlas­sen. An dem bisher in Rosenheim täti­gen Dekanatskantor liegt es nun, die eingeschlagene Richtung weiterzuge­hen. Serr hingegen hat die Stadt an der Altmühl mit seiner Kreativität und Schaffenskraft bereichert. Da­durch hat er sich einen festen Platz in den Annalen Gunzenhausens ver­dient. ULI GRUBER

Quelle: Altmühl-Bote, 21. Januar 2011

Horst Kuhn

Öffentlichkeitsreferent

 

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