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2019.10.15 Vortrag Dr. Annekathrin Preidel, Präsidentin Landessynode

2016_Lutherhaus
Lutherhaus. Foto: Horst Kuhn

Um Gottes willen Zukunft wagen!

Gedanken über die Zukunft unserer Kirche

 

Dr. Annekathrin Preidel

- Präsidentin der Synode der ELKB -

Gunzenhausen

15. Oktober 2019

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir leben wirklich in verrückten Zeiten! Verrückt ist nicht nur das politische Theater in Großbritannien, das wir rund um den Brexit erleben. Verrückt ist auch die Weltuntergangsstimmung, in die wir uns zurzeit hineinmavrieren. Überall herrscht Krisen- und Katastrophenrhetorik. Apokalyptische Visionen dominieren die Schlagzeilen und prägen unseren Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft. Es scheint, als hätten wir keine Zeit mehr, als müsste sofort alles anders werden, um möglichst schnell und notfalls auch gewaltsam eine neue Welt zu erschaffen. Manipuliert von Scheinbildern der INSTAGRAM-Accounts und von den Scheinriesen der Politik sitzen wir in einer Falle der Verunsicherung, die uns den Atem nimmt und den Mut austreibt, wirklich neu nachzudenken und etwas wirklich Neues zu wagen. Und zwar etwas Neues, das deshalb neu ist, weil es nicht den Geist der Verzweiflung und des kurzatmig-blauäugigen Aktionismus, ja Alarmismus atmet, sondern vom Geist Gottes und von der Hoffnung auf Gott erfüllt ist. Und so bin ich beim Thema: Um Gottes Willen Zukunft wagen!

Inmitten der großen Transformation unserer Gesellschaft und der Beschleunigung aller Preidel, Landessynode,Lebensbereiche, inmitten gewaltigen moralischen Drucks und ebenso gewaltiger Unsicherheit wird die Sehnsucht nach Hoffnungsbildern für die Zukunft immer größer und der Ruf nach Orientierung immer lauter. Hoffnung und Orientierung können uns nur Bilder der Hoffnung geben. Untergangsszenarien und Angst waren schon immer schlechte Ratgeber. Es tat dem christlichen Glauben nie gut, wenn aus der Angst Kapital zu schlagen versucht wurde und wenn die Angst größer war als Gottvertrauen und Zukunftszuversicht.

Ich bin überzeugt, dass die Situation unserer Gegenwart eine

Chance für unsere Kirche ist. Wir haben den Menschen, die in Zeiten des radikalen gesellschaftlichen Wandels und der mit ihm einhergehenden Radikalisierungen mehr denn je nach Antworten auf ihre Fragen suchen, etwas anzubieten. Ich bin überzeugt, dass die Kirche ein Ort sein kann, an dem die Menschen Antworten auf diese Fragen bekommen Antworten, die sie an anderen Orten nicht bekommen. Ich bin überzeugt, dass die Kirche gerade jetzt ein Ort sein kann, der Halt und Orientierung bietet. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr Grund tiefer reicht als jeder andere Grund zum Handeln, jeder andere Grund zur Hoffnung, vor allem aber tiefer als jeder Grund zur Panik und jeder Abgrund irgendeiner drohenden Katastrophe.

Aber sehen wir als Kirche diese Chance? Sehen wir die Chance, nicht nur ein Verstärker gesellschaftlicher und politischer Resonanzen, Stimmungen und Appelle, sondern ein wirklicher Kompass für die Menschen zu sein? Oder tappen wir als Kirche unsererseits in die Falle des populistischen Moralismus, in die Falle des Jammerns und in die Falle technokratischer Selbstoptimierung? Welchen Propheten, welchen Experten, welchen Ratgebern und welchen inneren oder äußeren Stimmen folgen wir? Gelingt es uns, das Wesentliche des christlichen Glaubens, der christlichen Hoffnung und der christlichen Weltgestaltung deutlich zu machen? Und wenn ja: Was ist das Wesentliche? Und was ist es nicht?

Aus meiner Sicht ist das Wesentliche im Blick auf unsere Kirche nicht, dass wir das, was derzeit alle Anderen sagen, noch lauter sagen, um von möglichst vielen gehört zu werden. Es ist nicht das Wesentliche im Blick auf unsere Kirche, dass wir bis zur Selbstverleugnung alles tun, damit uns nicht noch mehr Menschen den Rücken kehren. Und es ist nicht das Wesentliche, an allen Sonn- und Feiertagen bis auf den letzten Sitzplatz gefüllte Kirchen zu haben. Es ist vielmehr das Wesentliche, den Menschen nahe zu sein und in dieser Nähe transparent und durchlässig zu werden für die Nähe Gottes und für sein Evangelium, dessen Friede höher ist als alle Vernunft und als alles, was Menschen bewerkstelligen oder zugrunde richten können.

Ich erlebe, dass unsere Kirche dort ernstgenommen und wertgesctzt wird, wo sie aufmerksam und geistesgegenwärtig bei der Sache Gottes und bei den Menschen ist. Hier im Dekanat Gunzenhausen gelingt Ihnen dies in den Sommermonaten mit den drei Schäferwagenkirchen in eindrucksvoller Weise. Sie erreichen damit nicht nur die Menschen, die hier leben, sondern auch alle Menschen, die im Fränkischen Seenland Urlaub machen. Für diese Menschen organisieren sie zusammen mit der Touristenseelsorge eine Vielzahl von Seegottesdiensten mit unterschiedlichen Cren und eröffnen auf diese Weise Resonanzräume für die gute Nachricht des Evangeliums. Wenn Sie wie hier im Dekanat - SPUR 8- Glaubenskurse anbieten, wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden bei der Erntedankaktion „5000 Brote in der Bäckerei Kleeberger Brote backen, dann wird Kirche plötzlich ganz anders erlebt, dann begreift sie sich nicht als Institution und gründet ihre Daseinsberechtigung nicht auf das Abarbeiten von Tagesordnungen, auf dieUmsetzung von Gremienbeschlüssen und auf das Festhalten an Gottesdienstordnungen. Sie taucht vielmehr ein in den Lebensalltag der Menschen. Dasselbe gelingt dort, wo

Kirche an der Seite von Sportvereinen, bei der lokalen Vespertafel oder bei der Betreuung von Flüchtlingen, bei großen Tauffesten, in der zugewandten Begleitung von Trauernden, in der Klinikseelsorge, auf der Palliativstation und im Hospiz im Namen Gottes und um Gottes willen nahe bei den Menschen ist. Ich habe Zeit für dich! Ich re dir zu! Bei mir kannst du deine Sorgen abladen! Und ich bin mir sicher: ich und du, wir sind nicht allein auf uns selbst gestellt, sondern Kinder Gottes! Wo Menschen der Kirche das zu verstehen geben, sind sie ganz nah am Puls der Menschen und am Puls Gottes mit anderen Worten: am Puls des Evangeliums.

Die Synodalperiode 2014 bis 2020, die in Kürze zu Ende geht, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in besonderer Weise über die Zukunft unserer Kirche nachzudenken. Wir wollten das Reformationsjubiläum 2017 in der Mitte unserer Synodalperiode als Chance nutzen, um nicht nur zu feiern, sondern auch, um die Stellschrauben für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern im 21. Jahrhundert neu zu justieren. Wir wollten dabei die einmalige Chance nutzen, die wir als Kirche haben: die Chance, vom Evangelium her zu denken. Und wie gesagt: Wer vom Evangelium her denkt, vergräbt sich nicht in der Gegenwart, in Strukturanalysen, in statistischen Prognosen und schon gar nicht in Angst um das eigene Überleben. Wer vom Evangelium her denkt, denkt von der Zukunft her. Wer vom Evangelium her denkt, orientiert sich an Jesus Christus. Wer vom Evangelium her denkt, weiß, was es heißt, ganz in die Lebensräume der Menschen einzutauchen, ohne sich von Gott zu entfernen.

Eigentlich war Jesus der erste Sozialraumplaner. Er hat nicht gewartet, sondern ist zu den Menschen gegangen. Er hat sich auf Augenhöhe mit ihnen begeben. Er hat die Frage gestellt: Was willst du, dass ich für dich tue?

Diese Frage ist für uns in der ELKB zu einer Schlüsselfrage in unserem Zukunftsprozess Profil und Konzentration geworden. Die- se Schlüsselfrage ist auch eine Haltungsfrage. Grundlage dieser Haltung ist Vertrauen: das Vertrauen in Gott und das Vertrauen, einander vertrauen zu können. Im Geist dieses Vertrauens können wir miteinander und füreinander Kirche sein auf eine Weise, die berührend, inspirierend, faszinierend und zukunftseröffnend ist!

Um Gottes willen Zukunft wagen! - Das ist die Aufgabe der Kirche Jesu Christi. Und es ist keine leichte Aufgabe. Denn es fehlt uns als Organisation die Erfahrung, Dinge kontinuierlich zu verändern. Unsere Abläufe sind auf größtmögliche Stabilität angelegt. Unsere Gremienstruktur und der Anspruch größtmöglicher Partizipation machen klare Entscheidungen schwer. Längst fällige Klärungen wer- den gerne verschleppt. Und es fehlt oftmals an Mut, Gewohnheiten in Frage zu stellen, Allgemeinplätze zu prüfen, Unumstößliches anzuzweifeln, Ballast abzuwerfen und neue Perspektiven zu eröffnen für eine Reform der Kirche von innen gelassen und unbeirrbar.

Es fehlen uns mit anderen Worten Mut, Gelassenheit und Unbeirrbarkeit, Gewohntes auf den Prüfstand zu stellen und zu verändern. Oder nochmals anders und pointierter gesagt: es fehlen uns echter christlicher Mut, echte christliche Gelassenheit und echte christliche Unbeirrbarkeit. Denn zuweilen findet man ja in der Volkskirche der Gegenwart doch so etwas wie Mut etwa den Mut, alten Wein in neue Schläuche zu füllen und die innere spirituelle Leere durch des Kaisers neue Kleider zu kaschieren. Und man findet auch so etwas wie Gelassenheit und zwar in Gestalt einer Verdrängung, die die Augen vor der eigentlich chst beunruhigenden Zahl der Kirchenaustritte verschließt und sich versichert, dass es schon irgendwie weitergehen werde und ja auch bisher noch immer gutgegangen sei. Auch Unbeirrbarkeit gibt es zum Beispiel die Unbeirrbarkeit, an alten Rezepten und Ideen festzuhalten und zu glauben, man müsse nur auf den Zug des Zeitgeistes aufspringen und als Kirche dasselbe ganz einfach lauter rufen als all die Anderen. Lauter, aber ohne echtes christliches Profil, ohne echte christliche Hoffnung und ohne die echte christliche Gewissheit, dass diese Kirche Zukunft hat, weil Jesus Christus ihre Zukunft ist.

Jesus Christus! Nicht sinkende Kirchensteuereinnahmen.

Jesus Christus! Nicht zunehmende Erschöpfung der Hauptamtlichen.

Jesus Christus! Nicht Verwaltung des finanziellen und des spirituellen Mangels.

Der Prophet Jeremia lässt Gott im elften Vers des 29. Kapitels seines Buches sagen: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des

Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und weiter: Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. So spricht Gott. Nun sind Gott und die Kirche Gott sei Dank zweierlei. Und Gottes Evangelium hat auch dann Zukunft, wenn sich die Gestalt der Kirche eines Tages so sehr verändern sollte, dass wir sie nicht wiedererkennen. Gottes Evangelium hat auch dann Zukunft, wenn die Volkskirche ausbluten und sich qualitativ und quantitativ verdünnisieren sollte. Und weil Gott und die Kirche zweierlei und nicht wir es sind, die die Kirche erhalten oder gar retten werden, können wir uns mit der Kraft, die uns von Gott geschenkt ist, gelassen und zuversichtlich für sie einsetzen, ohne von diesem Einsatz alles zu erwarten. Wer von der Erkenntnis herkommt, dass Gott und die Kirche zweierlei und wir selbst nicht Gott sind, wird die Volkskirche weder aufgeben noch sie vergöttern. Er wird auch nicht irgendeinen vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Zu- stand dieser Volkskirche als alternativlos verabsolutieren und gerade so guter Dinge mit dieser Kirche und in dieser Kirche in die Zukunft gehen. Die Volkskirche hat Zukunft. Davon bin ich über- zeugt. Und zwar umso mehr Zukunft, je mehr sie beginnt, sich innerlich frei zu machen und frei zu werden für die Zukunft Gottes. Nur da wo wir innerlich frei sind, können wir auch loslassen, Ballast abwerfen und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Im Los- lassen schaffen wir Platz für Visionen, für Zukunftsbilder, die zu- chst vielleicht nur Tagträumereien sind, aber unsere Wahrnehmung und unsere Erfahrung der Welt prägen und unsere Perspektiven und unsere Haltung verändern. Wer in die Metzgerei geht und fragt: Bratwürste gibt es heute keine mehr, nicht wahr?, hat sich bereits zweckpessimistisch mit der Idee angefreundet, dass mittags nicht sein Leibgericht in der Bratpfanne brutzelt. Und wer sagt: Mit der Kirche geht es bergab. Immer mehr Menschen treten aus. Die Kirchenbänke werden immer leerer. Das Geld fehlt. Und das Personal fehlt, hat der eigenen Phantasie schon die Kraft, die Lust und die Leidenschaft geraubt, Kirche anders zu sehen, als er sie bisher gesehen hat. Ohne diese Phantasie werden wir allerdings in den geistlos selbstbezogenen Routinen der Erneuerung gefangen bleiben und den Mut zum barrierefreien Denken, zur selbstkritischen Infragestellung und vor allem zum inspirierten Anderssehen und zur visionären Experimentierfreudigkeit im Keim er sticken.

Die großen Pioniere des Glaubens und die großen Pioniere der Menschheit sind Menschen, die dort, wo viele andere Menschen nur Gefahren, Aussichtslosigkeiten und Unmöglichkeiten sehen, einen Weg erkennen einen Weg, der erst entsteht, indem man ihn geht. Dafür braucht es Mut und dafür braucht es Passion im wortwörtlichen Sinn des Wortes, das sowohl Leidensbereitschaft als auch Leidenschaft bedeutet. Und es braucht Träume: die Träume einer Kirche von morgen.

Darf unsere Kirche, rfen wir als Kirchenleitung träumen oder verschwenden wir mit unseren Träumereien wertvolle Zeit, die wir besser realistisch nutzen sollten? Für manche Traumforscher sind Träume Schäume, Abfallprodukte der Alltagsverarbeitung, neurologische Prozesse ohne Relevanz. Andere sehen in ihnen die Möglichkeit von Tiefenerfahrungen des Unterbewusstseins, die etwas aufdecken, das im Alltag verborgen bleibt. Sie sehen in ihnen einen Wink des Himmels, also gewissermaßen ein Medium Gottes. Dass Träume auch als ttliche Wegweisung verstanden werden können, zeigt eines der für mich schönsten Bilder der Bibel: die Leiter, die vom Himmel auf die Erde und von der Erde in den Himmel führt. Jakob erscheint sie im Traum. Dieser Traum steht für das felsenfeste Vertrauen eines der Erzväter unseres Glaubens, dass Gott ihn auf der Suche nach Sinn und Orientierung in seinem Leben trägt und begleitet und ihm gerade dort, wo es am wenigsten danach aussieht, wirklichkeitsverändernde Perspektiven einer ganz anderen Wirklichkeit eröffnet.

Meine eigene Vision der Kirche der Zukunft entzündet sich derzeit vor allem an der Idee, in unserer Kirche solche Orte der Berührung von Himmel und Erde aufzusren und diese Orte mit Energie und Phantasie zu gestalten. Orte, die Jakobsorte sind, weil an ihnen durch die Berührung von Himmel und Erde der Funke der Hoffnung überspringt. Jakobsorte, die Bcken sind auch deshalb, weil sie die Generationen verbinden und die Weitergabe des Feuers der Hoffnung auf Gottes Zukunft ermöglichen.

Der Zukunftsprozess der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der sich seit drei Jahren mit den Worten Profil und Konzentration verbindet, hat Geld und Strukturen zunächst einmal außen vor gelassen und sich gefragt, was geschehen muss, dass Menschen Kirche als einen Ort erfahren, der anders ist. Als einen Ort, an dem sie Antworten auf ihre Lebensfragen finden, die sie an anderer Stelle nicht

bekommen. Als einen Ort heilsamer Unterbrechung des Ewiggleichen. Als einen Ort, an dem sich Himmel und Erde spürbar berühren.

Profil und Konzentration geht nun in die entscheidende Phase der Umsetzung der strategischen Maßnahmen, die die PuK- Begleitgruppe als Frucht einer in der ELKB bislang einmaligen transparenten Basisbeteiligung ganz im Sinne des lutherischen Priestertums aller Getauften erarbeitet hat. Bereits in der Einleitung des Berichts, den die PuK-Arbeitsgruppe vorgelegt hat, wird deutlich, wo die Stärken und wo die Probleme unserer Kirche liegen. Ich will Ihnen einige Sätze daraus zitieren. Es heißt dort: Unsere Arbeit ist stark, wenn sie auf Beziehung setzt, ortsnah und fachlich kompetent ist und eine glaubwürdige Spiritualität erkennen lässt. Zu all diesen Aspekten haben wir viel Erfahrung, gut qualifizierte Menschen und viele Standorte mit großen Möglichkeiten. Die Diskussion lässt aber gleichzeitig erkennen, wie unterschiedlich die derzeitige Organisation unserer Arbeit bewertet wird, wie kräftezehrend viele unserer Entscheidungsprozesse sind und wie groß der Grad der Erschöpfung insgesamt ist. Der PuK-Prozess hat diese Faktoren vielfach thematisiert und die oft grundsätzliche Kritik an Fragen der Kirchenorganisation aufmerksam zur Kenntnis genommen. Symptomatisch war die Diskussion um den Stellenwert der Ortsgemeinde in der Kirchenentwicklung. Stimmen aus dem Bereich der Gemeinden machten vielfach klar, dass im PuK-Prozess und bei der Kirchenleitung die Ortsgemeinden im Blick auf ihre Bedeutung für die Kirchenbindung zu wenig Beachtung finden und zu negativ bewertet werden. Bei PuK-Diskussionen mit Menschen, die für die Kirche in KiTas, Schulen, der Spezialseelsorge oder bei Einrichtungen arbeiten, wurde regelmäßig genau das Gegenteil beklagt: PuK sehe zu stark auf die Ortsgemeinden und würde den vielen gesellschaftlichen Schnittpunkteanderer Arbeitsbereiche nicht gerecht.Weiter heißt es: Es gibt eine zentrale ungelöste Frage in unserer Kirche, die nicht in einem Entweder-Oder beantwortet werden kann. Wie gelingt es, kirchliche Arbeit in einem gemeinsamen Sozialraum miteinander zu gestalten? Dazu braucht es ein Gemeindeverständnis, das Kirche vor Ort als Netzwerk verschiedener Dienste versteht.

Also: Die Ortsgemeinden sind wichtig. Sie sind nicht die einzigen Orte des Evangeliums, die wichtig sind. Aber sie sind als Gravitationszentren der Volkskirche von ganz entscheidender Bedeutung. Und die Kirchenleitung wäre blind, wenn sie nicht sehen würde, dass die Orte, an denen das Herz der Kirche schlägt, vor Ort, also in den Ortsgemeinden zu finden sind. Aber eben vielleicht nicht an allen Orten dieser Ortsgemeinden in derselben Weise. Und viel- leicht nicht auf die seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gewohnte Weise. Sondern vielleicht auch anders und ungewohnt. Zum Beispiel in sogenannten passageren Formen kirchlicher Arbeit. Etwa in der Urlauberseelsorge, in Bikergottesdiensten, als Kirche im Grünen, in Berggottesdiensten, Radwegekirchen, überregionalen Chorprojekte und vielem mehr.

Eine empirische Studie, die die Evangelische Kirche in Deutschland im Jahr 2012 unter anderem zusammen mit unserer Landeskirche zu Kirchengemeinden auf Zeitdurchgeführt hat, zeigt, dass es vielerorts Situationen gibt, in denen nicht der Gottesdienst für die Gemeinde veranstaltet wird, sondern umgekehrt: Der Gottesdienst schafft die Gemeinde. Das ist ein Perspektivwechsel, der eine ganz neue Sicht auf unsere Kirche wirft. Kirche kann eben auch die Form von zeitlich begrenzten, fluiden Formen religiöser Praxis an- nehmen. Und Gemeinde kann Gemeinde auf Zeit sein, also die Form einer Gelegenheit annehmen, die die Beteiligten in einer bestimmten Situation ihres Lebens nutzen. So, wie die Campingplatz- gemeinden der Schäferwagenkirchen Ihres Dekanats im Sommer. Diese Schäferwagenkirchen sind rollende Kirchen für Gemeinden auf Zeit.

Auch die Lebensraumlogik der Menschen in der mobilen Gesellschaft verändert Gemeindeverständnisse und Gemeindeformen. Es gibt Menschen, die an einem Ort wohnen, aber an einem anderen Ort arbeiten und vielleicht sogar an einem dritten Ort ihre Freizeit verbringen. Das hat natürlich Konsequenzen für ihr Verständnis von Gemeinde. Und man muss fragen: Wie und wo beheimaten sich solche Menschen gemeindlich? Wie verhalten sich spontan zusammenfindende Gemeinden zu unserer verfassten Kirche? Hier müssen wir unsere Wahrnehmung neu justieren und unsere Ressourcen anders steuern. Vor allem aber muss der dicke Tanker Kirche agiler werden und Schnellboote zu den Menschen auf den Weg bringen so etwas wie die firstresponder, wie es sie beim Deutschen Roten Kreuz, bei der Johanniter Unfallhilfe oder bei der Freiwilligen Feuerwehr gibt. Ehrenamtliche bilden hier eine Art Rettungskette. Auf die Kirche übertragen wäre es eine Rettungskette für die Seelsorge. Um Gottes Willen Zukunft wagen heißt: flexibler und offener werden für unterschiedliche Formen von Kirche und unterschiedliche Formen der Teilnahme und Teilhabe an der Wirklichkeit der Kirche.

Um Gottes Willen Zukunft wagen heißt also auch: den Mut haben, aufrichtig die Frage zu stellen, welche Orte des Evangeliums in unseren Sozialräumen, zu denen auch die Kirchengemeinden gehören, die größte Zukunftsfähigkeit haben. Wir rfen uns nicht davor fürchten zu fragen: „Wo kommen Menschen wirklich in Berührung mit dem Geist Gottes? Wo schöpfen sie wirklich Kraft für ihr Leben, für ihr Leiden und für ihr Sterben? Wo schlägt wirklich das Herz dieser Kirche? Und wo kommen diejenigen Menschen, die nicht zur Kerngemeinde gehören, wirklich mit etwas in Berührung, was ihrem Leben geistliche Tiefe, Intensität und Hoffnung über dieses Leben hinaus gibt? Wo kommen sie in Tuchfühlung mit dem Heiligen Geist?