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Neue Luther-Bibel

Gun-2012.04 Bibel
Die Bibel

Die neue Bibel ist wieder näher dran an Luther

Fachleute arbeiteten zehn Jahre an der Revision der Übersetzung des Reformators — Von 31 000 Versen wurden 12000 geändert

 

Zwei Bibeln sind immer noch die meistgelesenen Bücher: Die Heilige Schrift der Christen wurde in den vergangenen 50 Jahren weltweit knapp vier Milliarden Mal verkauft. Mit großem Abstand folgen die Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, die „Mao Bibel“, und der Koran. Am Mittwoch wird auf der Frankfurter Buchmesse nach zehnjähriger Vorarbeit eine neue Lutherbibel vorgestellt. Braucht man die? Ja, sagen Experten.

NÜRNBERG — Mit den überlieferten Texten der Bibel kann jeder machen, was er will. „Weil sie in Hotels und Jugendherbergen keinen Pennplatz mehr finden konnten, musste Maria das Kind in einer Autogarage zur Welt bringen. Eine alte Ölwanne war das erste Kinderbett“, heißt es etwa in der Weihnachtsgeschichte der sogenannten Volxbibel, die sich um eine jugendgemäße Ausdrucksweise bemüht. So lässig ist der Umgang mit der Lutherbibel nicht. 2015. Landesbischof Dr. FriedrichEs handelt sich bei ihr schließlich um deutsches Kulturgut von Gewicht. Zehn Jahre, von den ersten Überlegungen 2006 bis jetzt, hat es gedauert, bis die jüngste Revision fertig war. „Die Mitglieder des Lenkungsausschusses saßen in fast 50 jeweils vier bis fünftägige Sitzungen zusammen“, erzählt Johannes Friedrich. Der frühere bayerische Landesbischof, der heute im Spalter Stadtteil Wernfels (Kreis Roth) lebt, war an dem Werk intensiv beteiligt. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrates der Deutschen Bibelgesellschaft.

Elf Versionen

Sie verkauft das Buch der Bücher. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Friedrich bis 2013 selbst angehörte, gab 2010 endgültig den Startschuss für den Revisions-Marathon der deutschen Lutherbibel. Es ist nicht der erste.

Schon zu Lebzeiten des großen Reformators im 16.Jahrhundert haben Verlage und Drucker nach Herzenslust an den Bibeltexten herumformuliert. Im 19.Jahrhundert zählte man mindestens elf Versionen. Ein einheitlicher Text? Fehlanzeige. Den gab es erstmals wieder mit der Ausgabe von 1892. Schon 20 Jahre später folgte die zweite kirchenamtliche Durchsicht. Da wurden vor allem die damals verbindlich eingeführte Orthografie und Grammatik umgesetzt.

Das „Eimer-Testament“

Die nächste Aktion Lutherbibel zog sich über Jahrzehnte hin. Schuld war auch der Zweite Weltkrieg, aber vor allem ein heftiger Theologen-Streit. Große Teile der Pfarrerschaft lehnten die Fassung als teils zu konservativ ab. Und es gab Spott. Zum Beispiel wurde im Matthäus-Evangelium das Licht nämlich nicht unter den „Scheffel“ gestellt, wie Luther übersetzte, sondern unter den „Eimer“. Als „Eimer-Testament“ war das Werk in der Öffentlichkeit dann unten durch. Der vor gut drei Jahren verstorbene Walter Jens, Altphilologe und Literaturhistoriker, sprach seinerzeit sogar von einem „Mord an Luther“. Wo dieser „die Zitzen raushängen ließ, ist Flaschenmilch daraus geworden“.

In mühsamer Arbeit gingen die damaligen Schriftgelehrten wieder einige Schritte zurück. Erst 1984 waren sie mit ihrer Lutherbibel-Fassung fertig. Sie ist seither in den evangelischen Gemeinden in Gebrauch. Dort wird jetzt also nun bald die vierte Revision in Regalen liegen.

„Hebamme“ statt „Wehmutter“

Ziel sei es, so Friedrich, keineswegs gewesen, Luthers Sprache wieder an ein modernes Deutsch anzupassen, im Gegenteil, man wollte ihm wieder besser gerecht werden. „So gesehen ging es um ein Mehr an Luther“, versichert der Theologe, „seine Eigenheiten sollten bewahrt werden.“ Aber keine Regel ohne Ausnahmen: Statt „Wehmutter“ haben sich die Experten wegen der besseren Verständlichkeit für „Hebamme“ entschieden. Am Ende haben von den rund 31000 Versen des Alten und Neuen Testamentes 12000 eine Änderung erfahren.

EKD-Kernauftrag dieser Bibelrevision war außerdem, die Brauchbarkeit in den Gottesdiensten zu gewährleisten. Für die Gemeindemitglieder sollten wichtige Stellen lesbar, einprägsam und hörbar bleiben. Das ist leichter gesagt als übersetzt.

Johannes Friedrich macht das am Vaterunser deutlich. „Das war der erste große Konflikt, den wir mit den Exegeten hatten“, erinnert er sich. Die Deuter des Luthertextes wollten unbedingt, dass dort steht „Erlass uns unsere Schulden“ statt „Vergib uns unsere Schuld“. Der Urtext verlange den Plural. Durchsetzen konnten sie sich nicht. Man hätte vielleicht sonst über die Lehman Brothers-Lutherbibel gewitzelt, weil das dann Gebet nach Finanzkrise geklungen hätte. Es gibt allerdings jetzt in den Anmerkungen den Hinweis auf die wörtliche und richtige Übersetzung.

Bibelvergessenheit wächst

Das gilt ebenso bei einer zentralen Stelle für Luthers Reformtheologie im Römerbrief. Der Mensch werde ohne des Gesetzes Werke gerecht, heißt es da, sondern „allein“ durch den Glauben. Dieses Wörtchen fehlt in der griechischen Fassung. In der neuen Bibel blieb es aber. Die Bedeutung für das Verständnis von Luthers Lehre ist zu groß.

Jetzt muss das aufwendig revidierte Werk nur noch gelesen werden. Selbstverständlich ist es für Johannes Friedrich längst nicht mehr, dass alle Kirchenmitglieder sie im Schrank stehen haben: „Ich habe schon Taufgespräche geführt mit Eltern, die peinlich berührt bekannten, dass sie nicht wüssten, ob sie eine Bibel haben.“ Diese Bibelvergessenheit soll behoben werden.

Ein Jahr lang kann die neue Lutherbibel zum Beispiel über App Stores heruntergeladen werden. Und auch das Nürnberger Bibel-Erlebnis-Haus, das gerade umgebaut und saniert wird, soll helfen. „Wenn wir nur ein paar Prozent der vielen Hunderttausend Touristen da reinkriegen, die die benachbarte Lorenzkirche jährlich besuchen, kommen wir weit“, meint der Ex-Landesbischof. Er hat auch schon einen Titel-Vorschlag: „Bibelmuseum für Zweifler und andere gute Christen“. Ob er damit durchkommt, daran zweifelt er selbst ein wenig.

 

© Text: MICHAEL KASPEROWITSCH

Quelle: Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 17. Oktober 2016

 

Horst Kuhn

Öffentlichkeitsreferent

Dekanat Gunzenhausen

 

 

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