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2015.06.21 600 Jahre Kirche St. Sixtus Laubenzedel

Kirche in Laubenzedel
St. Sixtus-Kirche. Foto: Unbekannt

 

 

Predigt Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bredford Strohm

Liebe Gemeinde!

Heute feiern wir! Wir feiern, dass seit mindestens 600 Jahren hier in Laubenzedel die Kirche unübersehbar mitten im Ort steht. Wo die Menschen wohnen und arbeiten, wo sie leben, erinnert dieses Kirchengebäude seit 600 Jahren daran: Gott ist mitten unter euch!

2015. LaubenzedelIn den letzten 600 Jahren ist die Kirche St. Sixtus immer wieder umgebaut und verändert worden – innen und außen. Auch an diesem Festtag heute ist Ihre Kirche eingerüstet – und wir feiern den Kirchweihgottesdienst im Zelt. Vielleicht hat es ja der eine oder die andere von Ihnen bedauert, dass St. Sixtus – ausgerechnet an ihrem „runden Geburtstag“ – eine Baustelle ist, nicht prächtig geschmückt und herausgeputzt, wie wir es uns für ein solches Fest vorstellen.

Aber: Ist nicht gerade das Kirche?

In zwei Jahren feiern wir die 500. Wiederkehr des reformatorischen Aufbruchs. Martin Luther wollte – als er im Jahr 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte - keine neue Kirche gründen. Er wollte neu auf Jesus Christus hinweisen – auf Christus als den einen und einzigen Grund unseres Glaubens. Dabei hat er auch kritisch auf das aufmerksam gemacht, was in seiner Zeit den Blick auf Jesus Christus verstellte, und hat Veränderungen gefordert, „Re-Formation“ der Kirche im wahrsten Sinne des Wortes. Kirche kann – so die reformatorische Erkenntnis – nie nur einfach sein, sie muss immer auch werden, neu werden.

„Das war – und das kann werden.“ – Das Motto Ihres Kirchweihjubiläums bringt genau das zum Ausdruck. Und das Gerüst um Ihre Kirche – genau an ihrem 600. Geburtstag – malt uns die reformatorische Botschaft unübersehbar vor Augen: Die Kirche muss – und wird – sich immer wieder erneuern.

„Das war – und das kann werden.“ – Was kann werden aus unserer Kirche? Welche Kirche wünschen wir uns? Oder anders: Wie kann und muss Kirche sein, damit sie in unserer Zeit den Blick auf Jesus Christus neu eröffnet?

Als Predigtwort für den heutigen, dritten Sonntag nach Trinitatis ist uns eines der vielleicht bekanntesten Gleichnisse Jesu vorgegeben. Nach dem Gleichnis vom verlorenen Schaf und dem vom verlorenen Groschen steht im Lukasevangelium das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und in diesem Gleichnis wird für mich spürbar, wie Kirche werden kann, was sie sein soll.

Ich lese die Verse 1 bis 3 und 11 bis 32 aus dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums:

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet es; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn - Auch wenn die Überschrift der Lutherübersetzung unseren Blick zunächst auf den jüngeren Sohn lenkt und auf das Verhältnis der beiden Söhne zueinander, steht im Zentrum der Botschaft Jesu das Verhalten des barmherzigen Vaters.

Als der jüngere Sohn, der sich vom Vater abgewandt hatte und dabei tief gefallen war, der am Ende die Schweine hüten und Hunger leiden musste, als dieser Sohn wieder nach Hause zurückkehrt, läuft der Vater ihm entgegen. Und noch bevor der Sohn seine wohlüberlegte Entschuldigung aussprechen kann, fällt der Vater ihm um den Hals. Keine kritischen Fragen, keine Vorwürfe, sondern ausschließlich Nähe. „Hier bist du zu Hause“, das zeigt der Vater in allem, was er sagt und tut. „Ganz gleich, was war, ich freue mich darüber, dass du da bist!“ Und auch der Empörung und dem Zorn des älteren Sohnes begegnet der Vater mit liebevoller Zuwendung. Er hört sich die Vorwürfe seines Erstgeborenen ruhig an. Und dann wirbt er für eine neue Sicht: „Dass ich dich liebe, weißt du doch ohnehin“, erinnert er den wutentbrannten großen Bruder. „Darum kannst du dich mit mir darüber freuen, dass auch unser Jüngster zu uns zurückgefunden hat!“

Jesus erzählt dieses Gleichnis denen, die nicht verstehen können, warum er sich mit Menschen abgibt, die in der Sprache der Bibel „Sünder“ heißen. Warum setzt Jesus sich an einen Tisch mit denen, die so gar nicht dem entsprechen, was man sich unter einem ordentlichen und ehrbaren Leben vorstellt? Und: Was heißt das dann für seine Beziehung zu uns, die wir uns vielleicht täglich darum bemühen, den Anforderungen Gottes gerecht zu werden? – So fragen sich diejenigen, die Jesus zuhören, damals wie heute.

Bei Gott, so antwortet Jesus mit dem Gleichnis auf die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Fragen, bei Gott ist es wie in der Familie des barmherzigen Vaters: Wer sich an ihn wendet, der ist willkommen. Die Nähe zu ihm können – und müssen – wir uns nicht verdienen. Sie hängt nicht ab von irgendeinem geistlichen oder moralischen Punktekonto, das wir bei ihm haben. Wir können sie uns einfach schenken lassen – und sie unserem Nächsten gönnen und sie an ihn weitergeben.

600 Jahre Kirche St. Sixtus. Seit 600 Jahren erinnert dieses Kirchengebäude daran: Gott ist mitten unter euch! Und dieser Gott ist ein Gott, bei dem alle ein Zuhause finden, die bei ihm danach suchen. „Das war – und das kann werden.“ – Eine Kirche, die Gottes Gegenwart bei uns Menschen bezeugt, muss immer wieder neu eine Kirche werden, die genau das ausstrahlt, was Jesus uns in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn mit auf den Weg gibt.

Ich habe in den letzten Monaten bei meinen Besuchen in den Gemeinden so viel von diesem einladenden Geist der Barmherzigkeit erlebt, wie ihn der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn verströmt, dass es mich sehr dankbar gemacht hat. Vor einer Woche durfte ich beim Dekanatsbesuch in Passau Ehrenamtliche aus allen Gemeinden ehren und habe dabei erfahren, wo sie sich überall engagieren. Und ich habe eine Unterkunft für Asylsuchende besucht, in der die Bewohner nach all den schlimmen Erfahrungen, die sie hinter sich haben, sich jetzt sicher fühlen können und in der sie von lauter Menschen vor Ort empfangen und begleitet werden, die wie der Vater des verlorenen Sohnes einfach ihre Arme öffnen und sie willkommen heißen. Und heute komme ich nun hier nach Laubenzedel und erlebe Menschen, die zu diesem großen Fest ihre Arme weit öffnen und alle einladen, mitzufeiern. Ich komme jetzt zwar nicht direkt vom Schweinehüten, aber es ist einfach schön, hierher zu kommen und diese geöffneten Armen selbst erleben zu dürfen.

Es gibt viel Grund zur Dankbarkeit über das, was war in diesen 600 Jahren. Und aus dieser Dankbarkeit heraus fragen wir heute: „Was kann werden?“ – Sie haben Ihr Kirchweihjubiläum unter dieses Motto gestellt. Ein wunderbares Motto, zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläumsjahr 2017! Denn es entspricht der reformatorischen Erkenntnis, dass Kirche nie einfach nur sein kann, dass sie immer auch werden muss, sich verändern muss, dass wir uns immer fragen müssen: Wie kann, wie muss Kirche werden, damit sie den barmherzigen Vater glaubwürdig bezeugt?

Für mich ist die wichtigste Antwort: sie soll noch einladender werden. Die offenen Arme des Vaters sollen zum Markenzeichen unserer Kirche werden, so wie der gekreuzigte und auferstandene Christus selbst seine Arme ausbreitet, um uns zu segnen. Junge Leute sollen in unseren Gemeinden selber mitgestalten. Menschen, die in Armut leben, Menschen, in deren Leben vielleicht Vieles schief gegangen ist, sollen sich bei uns nicht als Gäste fühlen, sondern sie sollen ein zu Hause finden. Menschen, die anders leben als es der gesellschaftlichen Norm entspricht, sollen bei uns willkommen sein. Vielfalt untereinander und Neugier aufeinander – das sollen die Früchte des Heiligen Geistes sein, der uns als Kirche zusammenführt. Im Singen, im Beten, im Hören auf Gottes Wort und in der Gemeinschaft miteinander bekommen wir Kraft, so dass wir selber ausstrahlen, wovon sprechen.

Seit 1415 steht diese Kirche in der Mitte des Ortes. Seit 1415 bezeugt sie, dass Gott mitten unter uns ist. Lasst uns das heute feiern. Lasst uns Gott dafür loben. Und lasst uns aus dem, was war, die Kraft schöpfen für das, was werden kann. Eines ist sicher auf unserem Weg. Wir gehen auf einen zu, der auf uns wartet. Und seine Arme sind offen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

2015.Laubenzedel

Begrüßung durch Dekan Klaus Mendel (links)mit dem Pfarrerehepaar
Katharina und Thorst Wolff. Foto: Kuhn

2015. Laubenzedel

Dekan Klaus Mendel (links) das Pfarrerehepaar Katharina und Thorsten Wolf,

Pfarrer Dietmar F. Schuh (Absberg) gemeinsam mit Mitgliedern aus dem Kirchenvorstand Laubenzedel und Haundorf.

 

2015 Laubenzedel

 

 

 

 

2015 Laubenzedel

 

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2015 Laubenzedel

 

 

2015 Laubenzedel

 

 

 

 

 

 

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